Archiv für Juni 2009

Next Party: Greentown, Saphir 11.07.2009

greentown01.jpg JAMAICAN SOUNDNIGHT
Sa. 11.07.2009

feat.:
ZERO ZERO SOUND
MECKIEMESSERMUZAK
FENSHI SOUND

Start: 21 Uhr
Eintritt: 5 Euro

@ SAPHIR, Grünstadt
Mertesheimerweg.4

More Infos @ www.myspace.com/zerozerosoundbwoys

Die Geschichte der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das US-Militär und die Westpfalz

ramstein2.jpgIn Ramstein wurde am Donnerstag, dem 28.05. eine Ausstellung zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung eröffnet. Soweit ist dies nichts besonderes. Was aber diesen Versuch Geschichte begreifbar zu machen auszeichnet ist der Ansatz, die Bürgerrechtsbewegung aus dem Kontext der US-amerikanischen Militärpräsenz in Deutschland und speziell in der Region Westpfalz zu verstehen.

An Ramstein, einer Kleinstadt in der Westpfalz, die seit den frühen fünfziger Jahren eines der größten US-amerikanischen Militärflughäfen beheimatet, kann man besonders intensiv beobachten, wie das US-Militär eine ganze Stadt und die Region okkupiert und als Geisel nimmt. Fast jeder Arbeitsplatz in fünfzig Kilometern Entfernung ist eng mit dem Stationierungsstandort verbunden.

Allein schon deswegen wird jedem mit Misstrauen oder gar Feindseligkeit begegnet, der öffentliche Kritik an der US-Airbase und den von hier aus ausgehenden Militäraktivitäten äussert oder gar die Schließung der Airbase fordert. Ob Gewerkschafter, Bürgerinitiativen oder Kommunalpolitiker; über die meist in Watte gepackte Kritik an dem teilweise unmenschlichen Fluglärm in der Region, kommt niemand hinaus.

Die andere Ebene, mit der sich wiederum die Ausstellung „Der Kampf um Bürgerrechte, afroamerikanische GIs und Deutschland“, beschäftigt können die Menschen in der Region besser nachvollziehen als viele andere. Einige alte Menschen können sich noch an den ersten „Neger“ den sie damals zu Gesicht bekamen erinnern. Viele bekamen in Gaststätten, Diskotheken und teils auf offener Straße die inneren Auseinandersetzungen im US-Militär intensiv mit. Die Macherin der Ausstellung Maria Höhn, Geschichtsprofessorin am Vassar College in den USA, kennt diese Geschichten sehr gut, da sie ihre Kindheit und Jugend selbst in der Region verbracht hatte. Anfang der 50er Jahre gab es sogar noch segregierte Militäreinheiten. Schwarz und weiss waren klar voneinander getrennt. Ein Makel, der vor allem schwarzen Bürgerrechtlern in der USA beschäftigte. Sie fragten sich wie es sein kann, dass die US-Besatzung in Deutschland einerseits ein antirassistisch angelegtes Entnazifizierungsprogramm durchzog, andererseits selbst in sich rassistisch organisiert war. Viele Karikaturen aus der Zeit der fünfziger und frühen sechziger Jahre spielten über Nazivergleiche auf diesen Mißstand an. Einige davon sind in der Ausstellung zu bestaunen.

Mit dem stärker werden der Bürgerrechtsbewegung in den USA stieg auch ihr Einfluß unter den in Deutschland stationierten Militärangehörigen. Es gab antirassistische Manifestationen an Stationierungsorten und auch oft körperliche Auseinandersetzungen zwischen weißen und den schwarzen GIs, die sich begannen gegen die Zustände in ihrer Armee zu organisieren. Ein Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen während des Vietnamkriegs. In dieser Zeit wurden die Stationierungsorte der US-Armee, besonders in der Region Westpfalz (Ramstein, Kaiserslautern, Zweibrücken) zu wichtigen Organisierungsstandorten der Black Panther Party. Diese hatten eigene Zeitungen und Treffpunkte in der Region. Auch die Zusammenarbeit mit Studierenden und linksradikalen Zusammenhängen war äußerst intensiv. So wurden gemeinsame Kundgebungen organisiert und Deserteure außer Landes geschafft. Ein wichtiger Kulminationspunkt gemeinsamen handelns, war die Auseinandersetzung um die Ramstein2.

Diese Ramstein2 waren Black Panther – Aktivisten, die während ihrer Propagandaarbeit in eine bewaffnete Auseinandersetzung mit Wachposten der US-Airbase gerieten, bei der eines der Wachmänner starb. Die Panthers wurden daraufhin in die JVA Zweibrücken gesteckt. Ihnen wurde dort der Prozeß gemacht. Ein Black Panther Solidaritätskomitee Kaiserslautern organisierte mit den Frankfurter Genossen um K.D.Wolff Demonstrationen und Prozessbesuche, die bei der Normalbevölkerung in der Region Angst und Schrecken auslösten. Zum Fall der Ramstein 2 gibt es innerhalb der Ausstellung einen eigenen Bereich, der durch eine Dokumentationsmappe noch einmal gesondert dokumentiert wird. Gerade dies, macht die Ausstellung auch für Linke, für die Antiimperialismus nichts mit Antiamerikanismus zu tun hatte und immer noch hat, besonders interessant.

Wie nicht anders zu erwarten wird der Anteil genau dieser antimilitiaristischen und der antiimperialistischen Kämpfe auf die Auseinandersetzung mit dem Rassismus in der US-Armee reduziert. Sonst wären wohl auch keine Militärangehörigen und der Bürgermeister der Stadt zur Eröffnung der Ausstellung erschienen. Die Ausstellung ist noch bis zum 19.Juli in Ramstein zu sehen, danach soll sie noch in Frankfurt und auch in der rheinland-pfälischen Landesvertretung in Berlin gezeigt werden. Zu der Ausstellung gehört darüberhinaus eine Archiv und Dokumentationswebsite, die dazu aufruft neues Material zum Kampf der afroamerikanischen GIs um ihre Bürgerrechte, aber auch die gemeinsame Geschichte mit den Menschen außerhalb der Kasernen beizusteuern. (www.aacvr-germany.org).

* von Carsten Ondreka

Eine gekürzte Version wurde in der jW vom 22.06.2009 veröffentlicht:
Black Panther Pfalz – Eine Ausstellung über antirassistische Kämpfe in der US-Army in Ramstein

My Muzak: Do the Panthers

DothePanthers.jpg

My Muzak: Do the Panthers (download from rapidshare.com)

01. Last Poets – Panther
02. Undisputed Truth -Ungena Za
03. The Temptations -Slave
04. Getto Kitty – Stand Up and Be Counted
05. Gil Scott-Heron – Brother
06. Eddie Kendricks -My people hold on
07. George Soule – Get Involved
08. Edwin Starr – Stop the war, now
09. Sons of Slum – Right on
10. Melvin van Peebles – Sweetback’s Theme
11. Junior Walker-Right on, brothers and sisters
12. Last Poets – Black Wish
13. Segments of Time – Song to the System
14. Marvin Gaye-You‘re the man
15. Martha and the Vandellas – I should be proud
16. S.O.U.L. – Tell it Like it is
17. Reuben Howell – Help the people
18. Gil Scott-Heron – The Revolution Will Not Be Televised

*Was war die Black Panther Party?

Ein deutscher Polizist – Kurras und der 2. Juni ’67

„Die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet“(Michael Stürmer, Springer-Kolumnist und nationalkonservativer Historiker)

Gleichzeitig zu den iniziierten Jubelarien zum 60. Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland, wurde ein geschichtliches Monstrum aus dem Hut gezaubert, das seine Spur nach der üblichen Skandalisierung a‘la BILD durch die Feuilletons fast aller Printmedien zog. Karl Heinz Kurras, nie verurteilter Mörder Benno Ohnesorgs, wurde durch die Recherche, eines Trupps der ZDF-Nachrichtenredaktion, pünktlich zu den Identifikationstiftungsfeierlichkeiten zur Staatsgründung, als Stasi-Spitzel und Mitglied der SED enttarnt. Das wühlen in den STASI-Aktenbergen der Birthlerbehörde hatte einen Erfolg gebracht. Die Möglichkeit, die Verantwortung für ein Verbrechen loszuwerden, was als Schatten, scheinbar untilgbar, auf der sonst so glorreich hochgehaltenen Geschichte der BRD lag. Ein Verbrechen, dass dem deutschen Staat, beinahe eine ganze Generation gekostet hätte. Eine Generation, die teilweise erst Jahre später, durch Zuckerbrot und Peitsche wieder eingefangen werden konnte. Zumindest größtenteils.

Schon aus den ersten Reaktionen wurde klar, zu welchem Zweck die neuen Erkenntnisse benutzt werden sollten. Aus dem Berliner Polizisten, der über Jahrzehnte, gerade von den konservativen und sozialdemokratischen Parteigängern in Staat und Justiz gedeckt wurde, wurde in den Augen desselben Klientels ein Stasi-Mörder, der jetzt endlich abgeurteilt werden sollte. Offensichtlich stand für sie nie die Tat zur Beurteilung, sondern die politische Verortung des Schützen. Die haltlosen Spekulationen aus allen Lagern in Richtung Auftragsmord der Stasi wurden durch ständige Wiederholung zum gängigen Erklärungsmuster. Eine öffentlich(-rechtlich) anerkannte Wahrheitsvermutung, sozusagen.

Um hinter dieses Spiel schauen zu können, sollten wir zurückschauen:
WAS GESCHAH EIGENTLICH AM 2. JUNI?

Ein ausländischer Diktator, der in den Medien und der Klatschpresse wohlgelitten war und beste wirtschaftliche Beziehungen zur BRD unterhielt, besuchte Berlin. Im Zuge der schon längst fortgeschrittenen Politisierung der Studierenden und einer sich gerade entwickelnden Subkultur gab es, gerade in Berlin, eine starke Mobilisierung gegen diesen Diktator, dem Schah von Persien. Studierende PerserInnen an deutschen Universitäten, vermittelten ihren deutschen KommulitonInnen, die Realität unter der iranischen Diktatur.

Die Proteste gegen den Schahbesuch wurden aber brutal niedergeschlagen. Zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte, arbeiteten deutsche Polizisten bei der Demonstrationsbekämpfung mit den Schlägertrupps eines ausländischen Geheimdienstes (des iranischen SAVAK) zusammen. Die Iraner, später als Jubelperser bezeichnet, waren für das Grobe zuständig. Das blindwütige Draufhauen mit Holzlatten, Schlagstöcken und Stahlrohren. Bundesdeutsche Beamte in Zivil, unter ihnen auch K-H. Kurras von der Abteilung 1 für Staatsschutz (BRD) bildeten kleine Einheiten, die einzelne DemonstrantInnen gezielt herausgriffen und nicht weniger brutal zusammenschlugen. Später bei der Auflösung der großen Demonstration am Abend, prügelten die Polizei und die Kollegen der SAVAK ebenfalls gemeinsam. Bei dieser, später als Fuchsjagd bezeichneten Polizeiaktion, während der Demonstranten gejagt und durch das Abschneiden von Fluchtwegen in die Enge getrieben wurden, fielen zwei Schüsse. Einer davon traf Benno Ohnesorg von hinten und tödlich.

DER FREIBRIEF

„Ihre Vorgesetzten werden sich auch dann für sie einsetzen, wenn sich bei der nachträglichen taktischen und rechtlichen Prüfung Fehler herausstellen sollten.“ (Innensenator Wolfgang Büsch vor dem Einsatz am 2.Juni an Polizeipräsident Duensing)

Auch in der Nachschau der Ereignisse an diesem Tag. Angefangen davon, dass schon im Vorfeld Freibriefe für die beteiligten Polizisten verteilt wurden, gefolgt von der menschenverachtenden Polizeitaktik, bis zur Verschleierung dieser Tat, ist es nicht möglich die Schüsse des K.-H. Kurras als Tat eines einzelnen zu begreifen. Die Jagd auf Demonstrierende, die später in zwei Schüssen kulminierten, war Folge der deutschen Außen- und Innenpolitk, sowie der Bildzeitungshetze gegen die StudentInnenbewegung und der dadurch ausgelösten Hemmungslosigkeit bei ihrer Bekämpfung.

Was die Studierenden und den sich bildenden Underground am meisten aufbrachte, war nicht die Tatsache, dass Schüsse fielen. Sondern die Gründlichkeit mit der die Umstände der Tat verschleiert wurden. In drei Prozessen gelang es wegen verschwundener Beweismittel, manipulierter Zeugenaussagen und der Staatsraison des Justizpersonals nicht, Kurras auch nur wegen „fahrlässiger Tötung“ zur Rechenschaft zu ziehen. Die politisch Verantwortlichen entledigten sich ihrer Verantwortung durch Rücktritte, auf die keine Anklagen folgten. In sämtlichen Erklärungen der linken Gruppen und Organisationen, von SDS, der RAF oder der Bewegung 2.Juni, standen die Verschleierung der Tat und die Verantwortlichkeit der Politik im Vordergrund.

Jetzt auf der Grundlage einer STASI-Mitarbeit von Kurras ein neues Verfahren zu eröffnen und ein neues Exempel am „Unrechtsstaat DDR“ durchzuführen entspricht zwar der (in erster Linie auf einem ideologisch determinierten Rechtsverständnis aufgebauten) Logik der BRD-Verantwortlichen, könnte für diejenigen, die dies anstreben, aber auch nach hinten losgehen. Ohne Polizeistaatsbesuch keine Todesschüsse auf Benno Ohnesorg. Egal ob Kurras auf einer oder zwei Gehaltslisten stand.

Zum Verhältnis zur DDR (und damit auch zur SU) ist zu sagen, dass beide keine große Rolle in den Diskussionen der Neuen Linken spielte. Antikoloniale Kämpfe, die sich unabhängig vom sowjetischen Kommunismuskonzept entwickelten waren die Bezugspunkte der ’68er. Es wurden Bilder von Che Guevara und Ho Tchi Minh vor sich hergetragen. Damals wurde die SU von den meisten als sozialimperialistisches Gebilde, bzw. als revisionistisch gebrandmarkt. In den späteren KP-Karikaturen der 70er waren es Kommunismusmodelle von Albanien bis zu den maoistischen Ablegern, die die größte Rolle spielten. Die DKP war schon damals eher etwas für linke Spießer und OpportunistInnen.

DAS FEUILLETON

Schon längst in der BRD integrierte Alt68′er wie Wolfgang Kraushaar (Hamburger Institut für Sozialforschung), Gerd Koenen (Publizist) und Peter Schneider (Schriftsteller) standen bei dem Versuch, den damaligen Aufbruch im nachhinein zu delegitimieren mal wieder in vorderster Front. Schnell zog z.B. Kraushaar mit der These nach, dass auch der Mordversuch an Rudi Dutschke, von der Stasi in Auftrag gegeben sein könnte. Allein, die aus dem politischen Gesamtbild nachvollziehbare Erwägung Rudi Dutschkes, die Stasi bzw. der KGB könnte ebenfalls Interesse an seinem Tod haben, schafft nichts von dem aus der Welt, was auf Rudi Dutschke von Seiten der Springerpresse und der offiziellen Politik herniederprasselte. Es zeigt dagegen wie schutzlos er sich im sog. freien Teil Berlins fühlen musste und das die SU, aus der Sicht Dutschkes und des SDS, kein Interesse an der Stärkung einer antiautoritär und demokratisch ausgerichteten Bewegung hatte. Im Gegenteil. Weshalb sollte die Stasi dann den Mord an einem Studenten in Auftrag geben.

UNSERE TOTEN

Benno Ohnesorg war nicht der erste Demonstrant in der BRD, der erschossen wurde. Philipp Müller wurde vor 57 Jahren, am 11.Mai. 1952 bei einer Friedenskarawane in Essen durch Schüsse in den Rücken ermordet. An diesem Tag hatten sich Zehntausende aus der ganzen BRD in Essen versammelt um gegen die Wiederbewaffnung zu demonstrieren. Benno Ohnesorg war auch nicht der letzte. Olaf Ritzmann (1980), Klaus Rattay (1981), Günter Sare (1985) und Conny Wissmann (1989)…., sind nur einige der Opfer polizeilichen Handelns. Andere starben unter ungeklärten Umständen in den Knästen oder bei der Flucht.

Auch international, gibt es genug Beispiele für Morde durch Polizeibeamte. Im Sommer 2001 wurde Carlo Giuliani während der G8-Proteste in Genua von Polizisten erschossen. Auch hier, wie in fast allen Fällen von Polizistenmorden wurde niemand zur Rechenschaft gezogen. Weder die Polizisten selbst, noch die Verantwortlichen für die Polizeieinsätze. Die Regierung und die meisten Medien rechtfertigten die Erschießung Carlo Giulianis. Letztes Jahr wurde der 15jährige Alexis Grigoropoulos in Athen durch eine Polizeikugel ermordet. Auch der Umgang mit der Tat war ähnlich. Die Liste unserer Toten ist lang.

Was Benno Ohnesorg, Carlo Giuliani und die vielen anderen Toten eint, ist der Versuch des Staates durch die offensichtliche Inkaufnahme von Toten, radikalen Widerstand einzuschüchtern und möglichst zu zerschlagen. Repression in dieser Form gehört zur Klaviatur globaler Herrschaftssicherung. Und das damals wie heute.

ALLE AKTEN ÖFFNEN

Um polizeiliches und geheimdienstliche Vorgehensweisen und ihre Auswirkungen auf die Geschichte wirklich zu verstehen, müssen alle Aktenschränke geöffnet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nicht nur der Osten hatte einen riesigen Staatsschutz- und Geheimdienstapparat, der versuchte Einfluss auf die jeweilige Opposition zu nehmen, bzw. diese zu zerschlagen. Über die Einflußmahmen der CIA und des FBI auf die Geschichte innerhalb und außerhalb der USA kann mensch mittlerweile einiges (aber auch nicht alles) lesen. In der BRD gibt es seit Jahrzehnten Berichte über V-Leute, die über den alltäglichen Verrat hinaus versuchten politische Prozesse zu manipulieren. Erst letztens ist durch einen Betriebsunfall, während des mg-Prozesses so etwas ans Tageslicht gelangt.

Aber auch in der Vergangenheit gab es genug Beweise für Geheimdiensttätigkeiten, die sich im rechtsfreien Raum abspielten. Das Celler Loch ist nur ein Beispiel. Immer noch kann niemand, außer die direkt betroffene ehemalige Gefangene Irmgard Möller mit Sicherheit sagen, was am 18. Oktober 1977 im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart-Stammheim geschah. Was im Moment geboten wird, ist die Geschichtsschreibung der Siegermächte des kalten Kriegs. Doch dieser wird erst dann überwunden sein, wenn alles auf dem Tisch liegt. Das Wissen auch die Mächtigen. Sie sind es, die Angst vor der Wahrheit haben müssen.

Mehr zum Thema @ AL-Special: 2.Juni

FREE MUMIA, NOW! – Interview mit einem Genossen des Berliner Bündnis „Freiheit für Mumia Abu-Jamal“

freemumia-block.jpg Diese Gruppe organisiert seit Herbst 2006 auf verschiedenste Weise Solidarität für Mumia. Seit der Entscheidung des Supreme Court in den USA, überquilt das Büro der Gruppe mit Anfragen und Wünschen für die Öffentlichkeitsarbeit. Der Genosse hat trotzdem ein paar Minuten Zeit für ein Interview zur momentanen Situation gefunden.

Gefangenen Info: Ihr seid im Moment sehr stark mit Presseanfragen und anderen notwendigen Dingen für die Öffentlichkeitsarbeit zu Mumia beschäftigt. Wie sieht diese Arbeit im Moment aus?

Genosse des Mumia-Bündnisses: Beinahe täglich geben wir kurze Interviews, in denen wir versuchen, das Juristenkauderwelsch der letzten 2 Jahre in eine verständliche Realität zu übersetzen. Eigentlich ist die Sachlage in Mumias kürzlich gescheiterten juristischen Bemühungen sehr einfach: obwohl Rassismus bei seiner Juryauswahl 1982 eine wesentliche Rolle gespielt hat, die das gesamte nachfolgende Verfahren beeinflusst haben, interessiert sich kein juristisches Gremium in den USA dafür. Das ist im Wesentlichen die Bedeutung der Ablehnung des neuen Verfahrens von Anfang April 2009. Sie wollen Mumia nie wieder aus dem Knast lassen.

Aber das höchste Gericht der USA geht noch einen bedrohlichen Schritt weiter: das Todesurteil gegen Mumia war 2001 aufgrund von falschen Instruktionen des damaligen Richters an die Jury zurückgenommen worden. Es reichte nach juristischen Masstäben nicht aus, um jemand zum Tode zu verurteilen. Trotzdem verlangt die Staatsanwaltschaft von Pennsylvania ebenfalls in höchster Instanz, diese Zurücknahme zu ignorieren und das Todesurteil ohne weitere Verhandlung wieder in Kraft zu setzen. Am 20. März hat der US Supreme Court darüber beraten und bis heute keine Entscheidung darüber mitgeteilt. Eines ist damit klar: sie erwägen ernsthaft, Mumia umzubringen.

Wenn wir uns vor Augen führen, dass seit 1982 jedes geltende US-Recht gebrochen oder gebeugt wurde, nur um Mumia seine Rechte zu verweigern, lässt das nichts Gutes erwarten. In den USA hat sich übrigens dazu der Begriff „Mumia exeption“ (die Mumia Ausnahme) etabliert.

GI: Ihr habt einen guten Überblick über die internationale Solidaritätsbewegung zu Mumia. Wie schätzt ihr das Interesse der Öffentlichkeit und den momentanen Stand der Bewegung, in Anbetracht von Mumia’s Situation ein?

MB: Das öffentliche Interesse ist noch deutlich kleiner als z.B. 1999. Damals war es zum zweiten Mal gelungen, Mumia vor einer Hinrichtung zu retten. Als 2001 zunächst das Todesurteil kassiert wurde, dachten viele schon fälschlicherweise, Mumia sei so gut wie frei.Macht- und Fraktionierungskämpfe innerhalb der weltweiten Bewegung taten ihr übriges, Aktivist_innen zu verjagen. Seit letztem Jahr ändert sich diese Tendenz aber zum Glück. Es gibt neue Ansätze und jüngere Aktivist_innen, sowohl in den USA als auch in Europa. Mediale Beachtung wurden sogar in den USA während der Bush-Ära erreicht. Presseagenturen wie Reuters und AFP berichteten z.B. auch in den USA ausgiebig über die polizeilichen Manipulationen an dem Tatort, wo Officer Faulkner 1981 starb. Die Polakoff-Fotos sowie etliche weitere Veröffentlichungen zeigten Wirkung. Heute verfolgen bereits wieder Tausende in den USA, Mexico, Kanada, Frankreich, UK, Schweiz, Spanien und auch der BRD, wie es um Mumia Abu-Jamal steht. Leider denken viele der solidarischen Menschen, dass es ausreiche, Unterstützung lediglich in Online-Petitionen auszudrücken. Das wird nicht reichen, um Mumia vor der drohenden Hinrichtung zu retten.

GI: Habt ihr eine Einschätzung, wie schnell in den USA eine Entscheidung über einen eventuellen neuen Hinrichtungstermin fallen kann?

MB: Sie kann täglich kommen, muss aber nicht zwingend vor Jahresende fallen. Es gibt verschiedene mögliche juristische Szenarien, die wir den Leser_innen hier aber ersparen wollen. Letztendlich sind es alles Spekulationen, die nicht weiterhelfen. Dieser Prozeß war von Tag 1 ein politischer. Da Mumias Rechtsmittel bis auf einen wenig erfolgsversprechenden Antrag erschöpft sind, macht es keinen Sinn, auf Entscheidungen zu warten. Wenn es den Unterstützer_innen von Mumia gelingt, noch vor der Sommerpause dem Gerichts in aller Stärke deutlich zu machen, dass sie ihn nicht hinrichten dürfen, ist das die überzeugenste Überlebensstrategie.

GI: Gibt es schon Ideen und Vorschläge aus der internationalen Solidaritätsbewegung für einen eventuellen Tag X.

MB: Ich denke, dass die meisten Gruppen jetzt alles daran setzen, dass es gar nicht zum Tag X, sprich der Todesstrafenbestätigung kommt. So werden in den USA z.B. Abgeordnete durch Kundgebungen vor ihren Büros aufgefordert, Stellung gegen den Rassismus in der Justiz und für Mumia Abu-Jamal zu beziehen. Es laufen auch Versuche, die Obama-Administration zu einer Untersuchung über den Rassismus in der Justiz zu bewegen. Auch die jüngste Veröffentlichung von Mumias Buch wird im englisch sprachigen Raum genutzt, um Öffentlichkeit über ihn, die Todestrakte sowie den Widerstand von Gefangenen sichtbar zu machen. Überhaupt scheint Öffentlichkeit (wie immer) der stärkste Schutz für politische Gefangene zu sein.

Aber natürlich sollten alle jetzt konkrete Schritte vorbereiten und auch ankündigen, damit sie andere miteinbeziehen als auch den politisch Verantwortlichen klarmachen können, was bei einem Hinrichtungsbefehl gegen Mumia zu erwarten ist. In Berlin häufen sich die Stimmen, die in so einem Falle die US-Botschaft blockieren oder schliessen wollen. So beeindruckend wir die Idee auch finden, sagen uns die Erfahrungen, das so etwas lediglich erfolgreich verlaufen kann, wenn sehr viele Menschen sich an einer Vorbereitung beteiligen. Die Aktionsformen bedürften einer Vielfältigkeit, wie wir sie bei zahlreichen Mobilisierungen der Anti-Globalisierungsbeweung erlebt haben. Das ist eine Aufgabe für viele und hier sind große Zusammenhänge gefragt. Politisch wäre es ein starkes Signal, was in den Tagen vor einem Hinrichtungstermin großes Aufsehen erregen könnte. Ich bin mir auch sicher, dass so eine Blockade Mumia-Unterstützer_innen in den USA sehr motivieren würde.

GI: Wie können politische Gruppen, aber auch Einzelpersonen Mumia unterstützen. Was könnt ihr an Unterstützung leisten?

MB: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Die einfachste und direkteste ist es, Mumia in den Knast zu schreiben. Natürlich gilt es auch, die ganzen Online Petitionen mit zu unterstützen. Gerade im Fall von Troy Davis haben wir 2008 gesehen, dass sowas in Kombination mit Aktionen und Demos auch erfolgreich sein kann. Wobei Troy Davis nun ähnlich wie Mumia erneut von der Todesstrafe bedroht wird. Allerdings hat er noch ein Rechtsmittel vor dem US Supreme Court. Am 19 Mai 2009 ist weltweiter Aktionstag für seine Freiheit, welcher auch von Mumia-Solidaritätsgruppen mitgetragen wird.

GI: Auf der Berliner Revolutionären 1.Mai-Demo gab es einen Mumia-Block. Könnt ihr kurz schildern wie die Beteiligung und die Stimmung bei der Demo war?

MB: Beteiligung und Stimmung zu Beginn der Demo waren hervorragend. Ich denke, dass es im FREE MUMIA Block am Anfang ca. 1000 Menschen mitliefen. Aber auch im Rest der Demo waren überall Statements über Mumia zu sehen. Leider eskalierte die Berliner Polizei die Demonstration jedoch so schnell, dass die inhaltlichen Beiträge über Mumia, politische Gefangene, die Todesstrafe oder auch den Gefängnis Industriellen Komplex zu kurz kamen. Auch der von Mumia selbst geschriebene Beitrag für die Abschlußkundgebung war für große Teile der Demonstration aufgrund der Polizeiübergriffe nicht zu hören.

Auf jeden Fall ist Mumias Kampf um Freiheit und gegen die Todesstrafe inzwischen viel mehr jüngeren Menschen ein Begriff, als noch vor einigen Jahren. Zahlreiche Infoveranstaltungen in den nächsten Tagen und Wochen sind bereits angekündigt, das Interesse an der Kampagne ist eindeutig gestiegen.

GI: Danke für das kurze Interview. Habt ihr aus eurer Sicht noch was hinzuzufügen?

MB: Mumia lebt und arbeitet aus der Todeszelle gegen Rassismus, Ausbeutung und Krieg. Nach dem Willen der Herrschenden sollte er seit 1995 bereits tot sein – aber heute kennen ihn und seine Arbeit viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt.

Es sieht momentan sehr schwierig aus, aber das war es 1995 und 1999 auch. Wir können Mumias Leben retten und ihn irgendwann auch befreien, wir müssen uns nur alle zusammenfinden und uns bewegen.

Mehr zur momentanen Situation von Mumia und entsprechenden Soli-Aktivitäten @ Kampf gegen die Todesstrafe: Mumia Abu Jamal (AL-PolitischeGefangene)

Soli-Track 4 Mumia: B-Side Players – Free Mumia.mp3

* Das Interview erscheint dieser Tage im GefangenenInfo 347
gef-info.jpg

World of Muzak, Sommer 2009 (New Compilation)

world of muzak 2009.jpg

World of Muzak pt.04, Sommer 2009 (free download from rapidshare.com)

01. Watcha Clan – Mean Diaspora
02. Amsterdam Klezmer Band – Immigrant Song (Remixed By Yuriy Gurshy)
03. Gypsy.cz – Mulin
04. Emir Kusturica & The No Smoking Orhestra – Devil In The Business Class
05. DJ Karim, Dj Click & Nomad Sound System – Atarashi Nomad Sound System
06. DJ WAGNER PA + PABLO SCHWARZMAN – Capitalistos New Mix
07. Michael Franti & Spearhead – Yell Fire
08. Positive Black Soul – Boul Ma Mine
09. Watcha Clan – Balkan Qoulou
10. Yok – Verwertungsscheiss
11. MANU CHAO – Politik Kills (Matanzas remix)
12. EL KAPEL – No Me Va
13. Zebda – Dans ma classe (chanson cachée)
14. Open Season – Stand Firm
15. Long Beach Dub Allstars – Soldiers
16. B-Side Players – Cruzando fronteras
17. Yerba Buena & Lenine – Colonial Mentality
18. Femi Kuti – Fight To Win
19. Dubioza Kolektiv – Open Wide Feat. Benjamin Zephaniah
20. Immortal techniques – Homeland And Hip Hop (feat. Mumia Abu Jamal)

Some old and new revolutionary Reggae-, Ska-, HipHop-, Mestizo-, Balkan and Afrobeat-Tunez compiled by MeckieMesserMuzak

IRAN: Ein Funke bringt das Fass zum überlaufen

iran2009.jpg Ob der „Spiegel“ oder „Die Welt“, sie können sich die hunderttausenden Menschen, die in Teheran, Shiraz, Tabriz, Sanandaj, Isfahan und allen anderen Städten Irans ihre Wut auf die Straße tragen, bloß als brave Urnen-Demokraten begreifen, die nun auf`s Bitterste betrübt sind, dass der „abgespeckte“ Islamist Hossein Mousavi nicht Präsident wurde. Zweifellos finden sich unter den Protestierenden viele Menschen, die sich erneut der Illusion hingeben, dass die Islamische Republik durch einen Personalwechsel reformierbar sei, so dass sie leidenschaftlich für Mousavi, der zumindest den unpopulären Tugendterrorismus herunterzuschrauben verspricht, trommeln. Der „Green Bloc“ der (noch) Mousavi-Sympathisanten ist jedoch augenfällig nur ein Teil der Protestbewegung, die Farbe Grün, mit der die Solidarität zu Mousavi beglaubigt wird, bildet kein Farbenmeer unter den Demonstrierenden. Bereits in den Monaten vor dem 12. Juni, haben Studierende immer wieder auf die Verstrickungen Mousavis – als Ministerpräsident zwischen 1981 und 1989 – in die grausigen Verbrechen des Regimes – etwa in die Exekutionen zehntausender Politischer Gefangener – lautstark hingewiesen.

Einiges deutet daraufhin hin, dass die Frommsten unter den Frommen und ihre paramilitärische Entourage der Pasdaran sich nun selbst jenen Fraktionen der Islamischen Republik entledigen möchten, die die totalitären Prinzipien der islamischen (Kontra-)Revolution vermeintlich zu sehr aufweichen – also jene, die unter dem Label „Reformer“ firmieren. Es wird sich jedoch noch in den nächsten Tagen zeigen, dass es Mousavi und Chatami sein werden, die die Protestierenden zu Ruhe und Demut ermahnen und erneut ihre Nützlichkeit für`s Regime beweisen werden, indem sie versuchen die Revolte auszubremsen.

Für uns als Kommunisten bleibt: Weder Mousavi noch Ahmadinejad! Die Revolution denken, sich mit dem Widerstand solidarisieren! Zerschlagt die Islamische Republik Iran!

Quelle: cosmoproletarian-solidarity.blogspot.com

Mehr zum Thema @ Anderslautern

….and now some Culture for Resistance:



More Videos and Songs @ Chanell

ZUR BAND: Tapesh 2012 ist eine junge iranische Band, deren Mitglieder in Deutschland leben.

Tapesh 2012 ist auch ein offenes Projekt, ein Forum und eine Community aus Menschen, die aus Überzeugung und mit Spaß und Liebe etwas Gutes für die Welt und sich selbst tun wollen.

Das Projekt hat im Mai 2006 angefangen. Seit dem haben wir einiges erreicht und bewiesen, daß jeder mit guten Ideen, positiver Energie und friedlichen Visionen doch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, Zeitschriften, Radios und Medien auf sich ziehen und etwas bewegen kann. Und dadurch haben wir viele Menschen gefunden, die wie wir auch den Frieden lieben und auf der Suche nach Lösungen für die Zukunft sind.

More : www.Tapesh-2012.com

Zum Bildungsstreik ’09: We dont need no education.

Der Bildungswahnsinn als Game:

RAUS AUS DEM HAMSTERRAD!!! FÜR DIE ABSCHAFFUNG DER SCHULPFLICHT!!!

Wir brauchen mehr als nur bessere ökonomische Bedingungen und Reperaturen an Vorhandenen. Es gibt Alternativen zum Ist-Zustand:

We need BILDUNGSFREIHEIT!!!

Anfang Februar sorgte weit über die deutschen Grenzen hinaus ein Prozess in Bremen für aufsehen, in dem Eltern zweier schulpflichtiger Kinder ihr Recht auf homeschooling einklagen wollten. Die Klage wurde abgewiesen, Prozessskostenhilfe wurde nicht gewährt und die Familie muss weiterhin im französischen Exil leben, weil freie Bildung in Deutschland illegal ist und strafrechtlich verfolgt wird. Zwangsgelder, Entzug des Sorgerechts bis hin zu Freiheitsentzug drohen zum Beispiel all jenen, die ihre Kinder nicht in die Schule zwingen wollen. Mittlerweile fliehen immer mehr Familien mit Kindern im schulpflichtigen Alter ins europäische Ausland um staatlicher Repression und Zwangsmaßnahmen zu entgehen und ihren Kindern ein würdevolles selbstbestimmtes Aufwachsen und Lernen zu ermöglichen.

Verfechter der deutschen Schulpflicht, die übrigens einmalig im europäischen Ausland ist und auf eine Gesetzgebung von 1937 (!) zurückgeht, führen in der Regel Argumente ins Feld, welche sich bei genaueren Hinsehen als hohle Phrasen entpuppen und leicht zu widerlegen sind. So wird zum Beispiel behauptet, dass nur religiöse Fundamentalisten ihre Kinder zu Hause unterrichten wollten; dass Kinder aus sozial schwachen Familien keine Chance mehr auf Bildung hätten… oder aber auch, dass Kinder nur faul herumsitzen und nichts tun würden, wenn kein Druck dahinter wäre.

Doch sind Kinder wirklich vor religiösem und fundamentalistischem Gedankengut geschützt – nur weil sie Regelschulen besuchen ? …und haben Kinder aus dem sogenannten Präkariat wirklich gleiche Chancen und Lernbedingungen wie die finanziell besser gestellten? Wohl kaum. Und welches Kind konnte jemals unter Druck Lernfreude und Wissbegier erhalten ? Schon seit Jahren erklären anerkannte Hirnforscher und Lerntheoretiker immer wieder, dass Lernen nur sinnvoll stattfinden kann, wenn es eine angenehme Lernsituation, ein positives Lernklima und es keinerlei Druck gibt. Doch wissenschaftliche Erkenntnisse scheinen die staatlichen Behörden nicht zu interessieren.

Ein weiteres Argument welches gerne genutzt wird ist, dass den Kindern ohne Schulbesuch angeblich die sozialen Kontakte fehlten. Doch was sind diese Kontakte wirklich wert? Schule fördert selten ein soziales und solidarisches Miteinander, geschweige denn soziale Kompetenz. Durch Noten und Leistungsdruck wird einem Kind schon früh der Konkurrenzgedanke eingeimpft. Nur die Besten kommen weiter. Wer sich den undemokratischen und hierarchischen Strukturen nicht unterwirft, hat gelitten. Wer nicht die richtigen Klamotten an hat und bei der neusten Handymode nicht mithalten kann, wird nicht selten von MitschülerInnen gemobbt und gehänselt.

Wer sich nicht richtig konzentrieren kann, träumend aus dem Fenster guckt oder mal ein leeres Blatt abgibt, wer Hausaufgaben öfter vergisst oder keinen Handstand kann, wird von den Lehrern gemobbt, gedemütigt und mit schlechten Noten abgewatscht.

hirn.jpg Die Kinder- und Jugendpsychiatrien, sowie Psychologische Beratungsstellen sind völlig überlaufen. Mangelndes Selbstwertgefühl, Versagensängste, Selbstmordgedanken, Zukunftsängste, Depressionen, selbstverletzendes Verhalten bis hin zu Amokläufen sind oft das Resultat einer Schulpolitik, die von vorne bis hinten versagt. Zunehmend kann ein/e SchülerIn den Alptraum Schule nur noch mit Medikamenten und Psychotherapie überstehen.

Es erfordert viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, sowie ein stabiles, wohlwollendes und unterstützendes Umfeld, wenn man die Schulzeit trotz allen möglichst unbeschadet überstehen will.

Kinder die frei und selbstbestimmt aufwachsen und lernen können und von Anfang an gleichberechtigt aufwachsen und ernst genommen werden, können sich viel besser in sozialen Strukturen integrieren und engagieren als jene, die in ein enges hierarchisches Korsett gepresst werden, das den ganzen Tag Anstaltslernen, Hausaufgaben und Nachhilfe vorsieht.

Es ist längst an der Zeit, das Schulpflichtgesetz über Bord zu werfen und selbstbestimmtes Lernen in Freiheit jedem zu ermöglichen der das für sich in Anspruch nehmen will. Es kann nicht angehen, dass Familien (Kinder wie Eltern) kriminalisiert werden, weil sie eine andere Vorstellung von Lernen haben, als es der Staat für seine Bürger vorsieht. Es braucht Orte an denen angstfrei und ohne Druck gelernt werden kann. Das sind keine Schulen im traditionellen Sinn mehr, sondern Lernorte die nach den Bedürfnissen der Lernenden ausgerichtet und ausgestattet sind. Lernorte in denen alle Menschen gleichberechtigt und selbstbestimmt lernen können und an denen sie keinen Diskriminierungen – gleich welcher Art – unterworfen sind.

ALTERNATIVEN ZUR REGELSCHULE
Freie und alternative Schulmodelle

Viele der alternativen Schulen sind mit Sicherheit angenehmere Orte als die staatlichen Schulen, aber auch sie sind von Lehrplänen, Unterrichtsinhalten, Erziehungs- und Lernzielen bestimmt. Auch in den Alternativschulen werden Leistungen der SchülerInnen beurteilt und in den seltensten Fällen sind die Rahmenbedingungen so gegeben, dass gleichberechtigt und hierarchiefrei gelernt werden kann.

Ein großes Problem ist auch die Finanzierung, weil nicht jeder Mensch über das Geld, das ihm für Bildung eigentlich zusteht, frei entscheiden kann. Alternativschulen sind oft auf Schulgeld angewiesen. Auch wenn sich die meisten Alternativschulen um soziale Lösungen bemühen, ist es Menschen mit geringem Einkommen selten möglich, einen Schulbesuch in einer freien Schule zu finanzieren.

Es gibt diverse Schulkonzepte und nicht jede Alternativschule verdient den Stempel „freie Schule“. (z.B. Waldorfschulen oder freikirchliche Schulen die großen Wert auf die Vermittlung eines bestimmten Wert- und Weltbildes legen, das mir einer libertären Vorstellung von Freiheit nichts gemein hat)

Ein Schulkonzept, das in den letzten Jahren immer mehr Beachtung findet und das Prädikat „freie Schule“ wirklich verdient, fällt unter den vielen Modellen auf. Die sogenannten Sudburyschulen (bzw. freie demokratische Schule)

Sudburyschulen

Weltweit gibt es mehr als 30 Schulen, die sich an dem Modell der Sudbury Valley School orientieren, die 1968 in Massachusetts gegründet wurde

Eine Schulgründungsinitiative aus Berlin hat die wesentlichen Grundsätze so zusammengefasst:
* Die Kinder und Jugendlichen entscheiden selbst, wie sie ihre Zeit verbringen.
* Niemand wird gezwungen oder gedrängt, bestimmte Dinge zu lernen oder an bestimmten Aktivitäten teilzunehmen. Es gibt keinen Lehrplan.
* Unterricht kommt nur zustande, wenn Schüler dies ausdrücklich verlangen
* Schüler und Mitarbeiter sind gleichberechtigt.
* Es gibt Regeln; diese werden von der wöchentlichen Schulversammlung, bei der jeder Schüler und jeder Mitarbeiter eine Stimme hat, diskutiert und per Mehrheitsentscheidung beschlossen. Regeln gelten für Schüler und Mitarbeiter gleichermaßen.
* Ein von der Schulversammlung bestimmtes Justizkomitee untersucht Beschwerden über die Verletzung von Regeln und ist berechtigt, Strafen zu verhängen. Die Möglichkeit zur Berufung besteht.
* Die Schulversammlung entscheidet in geheimer Wahl, wer im nächsten Jahr Mitarbeiter sein wird.
* Es gibt keine Klassenstufen und keine Trennung nach dem Alter.
* Es gibt keine fremde Bewertung – weder Zensuren, noch schriftliche Beurteilungen.

Da alle Schulen in Deutschland dem Schulgesetz unterworfen sind und an Pläne, Vorgaben und Prüfungsordnungen gebunden sind , ist eine kompromisslose Sudburyschule in Deutschland (noch) nicht möglich.

Mittlerweile gibt es aber auch in Deutschland einige Versuche möglichst viel aus dem Sudbury-konzept in alternative Schulprojekte zu integrieren, wie beispielsweise in der Netzwerkschule in Berlin, der Neuen Schule Hamburgs oder oder in der Kapriole in Freiburg. Leider kommen auch diese Schulen nicht umhin, Kompromisse einzugehen.

Homeschooling

Beim homeschooling geben in der Regel die Eltern die Richtung vor . Sie bestimmen, was und wann gelernt wird, gestalten ihre eigenen Lehrpläne, oder sie orientieren sich an staatlichen Lehrplänen. Homeschooling wird von Familien favorisiert, die mit dem Schulsystem nicht zufrieden sind und ihre Kinder vor menschenfeindlichen Bedingungen in öffentlichen Schulen schützen wollen. Ebenso sehen Menschen, deren Kinder aus physischen und psyschischen Gründen in staatlichen Schulen nicht zurecht kommen, im homeschooling eine Möglichkeit bessere Bedingungen für ihre Kinder zu schaffen. Homschooling ist i.d.R. stark pädagogisch geprägt. Die Eltern bestimmen darüber was und wie gelernt wird. Allerdings kann dies (je nach Elternhaus) in einer vertrauten angstfreien Atmosphäre stattfinden und das Tempo kann individuell dem Lerntempo des Kindes angepasst werden.

(homeschooling ist in Deutschland verboten – und wird strafrechtlich verfolgt)

Unschooling

Die fortschrittlichere und hier eher unbekannte Variante des freien und selbstbestimmten Lernens ist das unschooling

Unschooler gehen davon aus, dass der Mensch von Geburt an das Bedürfnis hat sich frei zu entwickeln und wiss- und lernbegierig ist. (intrinsische Motivation) In einer anregenden Umwelt gibt es so viele Möglichkeiten sich zu bilden, so dass kein Unterricht nötig ist. Kinder lernen auch ohne Schule laufen und lesen, rechnen und einen Computer zu bedienen. Sie sind von Geburt an wissbegierig, neugierig und haben einen natürlichen Forscherdrang, den sie sich ihr Leben lang erhalten können, wenn die Lust am Lernen nicht durch Erziehung und Schule zerstört wird. Unschooler bestimmen selbst, was, wann und wo sie lernen. Es gibt keine starren Regeln, keine Lehrpläne und keine Hierarchien. Beim unschooling sind Eltern und Bezugspersonen nicht Lehrer sondern Lernbegleiter. Sie beraten und unterstützen vielmehr und zwängen den Kindern nicht ihre eigenen Ideen auf.

(unschooling ist in Deutschland verboten – und wird strafrechtlich verfolgt)

Lernorte mit wirklich emanzipatorischen Konzepten werden aufgrund einer reaktionären kinder- und lernfeindlichen Schulgesetzgebung nicht genehmigt und zugelassen, weil in Deutschland nicht sein kann was nicht sein darf. Doch davon sollte mensch sich nicht abschrecken lassen. Das Recht auf freie Bildung ist ein Menschenrecht – wir sind es den kommenden Generationen schuldig dafür zu kämpfen.

Ein Leben und Lernen in Freiheit ist möglich.

Quelle: Direkte Aktion #192 (März/April 2009)

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