Anderslautern und die Röhls

Auseinandersetzung um die Röhlche Geschichtsschreibung, Missbrauch und dem Verhältnis zu Ulrike Meinhof

So kanns gehen. Da überlegt mensch am monatlichen Aufbau der Anderslautern, stolpert über den 8.Mai, der in der linken (zurecht) als Tag der Befreiung begangen wird. Da wir über dieses Thema schon oft genug berichtet haben, kommt die Idee der Erinnerung an den Todestag von Ulrike Meinhof am 8.Mai 1976.
ulrike_konkret.jpg
Um sich bei diesem Thema nicht endlos zu wiederholen und die Frage nach Mord od. Selbstmord zum tausendsten mal zu referieren, denn zu diesem Thema ist alles gesagt (neues dazu erst wieder nach Stürmung der VS bzw. BND-Gebäude und dem dazu notwendigen Sturz der herrschenden Klasse). Deshalb richteten wir den Fokus auf Ulrike als Mensch. Als greifbare Person, die sich Menschen durch ihren Umgang mit ihnen offenbarte. Ein Text ihrer Stieftochter Anja Röhl, die uns schon vorher durch Artikel und Texte zu Erziehung und zu Kulturveranstaltungen aufgefallen ist, gefiel uns besonders.

Das Anja Röhl genau in diesem Zeitraum einen Artikel im Stern veröffentlicht, der solche Wellen schlägt, dass wir dadurch zeitweise in den Fokus geraten, war nicht abzusehen.

Anja Röhl schreibt in ihrem Artikel über ihren Vater, Klaus Rainer Röhl, seines Zeichens Ex-Ehemann von Ulrike Meinhof. Sie beschreibt darin die pädophilen Neigungen und verschiedenste Arten des Missbrauchs an ihr, als Kind. „Einen der wichtigsten Männer, die offen Pädophilie propagiert haben, habe ich in der eigenen Familie gehabt, er heißt Klaus Rainer Röhl und war mein Vater. Er lebt noch, aber der Satz ‚Er ist mein Vater‘ will mir nicht über die Lippen“ gibt sie dem Stern zu Protokoll.

In der Erwiderung von K.R. Röhl sowie den Artikel seines Bruders Wolfgang (Stern, die Welt) wurden dann Artikel von Anja Röhl, die auch von uns veröffentlicht wurden verlinkt. Wohl allein deswegen, um sie als Teil des „linksradikalen Sumpfes“ zu denunzieren. Damit waren wir mitten in der Auseinandersetzung um die Röhlche Geschichtsschreibung, Missbrauch und dem Verhältnis zu Ulrike Meinhof.

Das K.R. Röhl damals schon einen Hang zur Rechtfertigung pädophilen Verhaltens hatte ist keine Neuigkeit. Unter seiner Ägide wurde die Konkret, die Mitte der 50er als politisches Magazin mit Nähe zur illegalen KPD gestartet war und mit der exzellenten Journalistin Ulrike Meinhof als Flaggschiff bekannt wurde, zur Wichsvorlage mit intellektuellem Anspruch. Mit dem mittlerweile zum medialen RAF-Inquisitor aufgestiegenen Stefan Aust und dem mittlerweile verstorbenen Schriftsteller Peter Rühmkorf an der Seite bildeten sie den Kopf einer Männerriege, die im Fahrtwind der sogenannten „Sexuellen Revolution“ ihre Männerphantasien auslebten. In einem in der LITERATUR KONKRET 2009/2010, erschienenen Artikel von Ende September letzten Jahres, heißt es zur KONKRET-Historie und zu ihren Protagonisten Röhl, Rühmkorf und Aust:

konkret.jpg „KONKRET? Gibt’s das noch? Früher hab ich das auch gelesen.“ Das Früher der älteren Herren sind die Jahre, in denen KONKRET mit allerlei Onanierhilfen und Titelzeilen wie „Mögen Frauen Vergewaltigung?“, „Was Mädchen weich macht – Rezepte für Männer“ oder „Machen Miniröcke dumm?“ für Absatz gesorgt hatte. Der Lyriker Peter Rühmkorf war noch in seinen letzten Lebenstagen stolzer Theoretiker dieses vom ihm erfundenen Verkaufsrezepts, dessen Praktiker, sein Freund Klaus Rainer Röhl, bei der Auswahl der Titelbilder stets darauf bestand, daß der nackte Hintern der Abgebildeten am rechten Bildrand erschien, denn: „Man schlägt von rechts.“ Geschäftsführender KONKRET-Redakteur jener Jahre war unter anderen ein gewisser Stefan Aust. Wenn Not am Mann war, ging der investigative Journalist auch gern selbst mit der Kamera auf Motivsuche für „heiße Reports“ („Liebe unter freiem Himmel – Wie frei sind Deutschlands Mädchen?“; 10/67) oder reiste an den „Sonnenstrand von Bulgarien“ (7/67)…. (LITERATUR KONKRET 2009/2010)

K.R. Röhl führte genau diesen Kurs nachdem er die Konkret fast vollständig ruiniert hatte in seinen Magazinen „Das da“ und Spontan weiter. Stefan Aust schrieb für die St.Pauli-Nachrichten. Ein weiteres Magazin, das „Linkssein“ mit frei ausgelebten Sextrieb, egal auf wessen Kosten gleichsetzte. Für Aust, und Konsorten war das damals vor allem „’ne coole Zeit“. Während andere das Geschriebene und Gesprochene beim Wort nahmen und versuchten eine revolutionäre Perspektive zu entwickeln, ging es vielen nur um Party, das eigene Standing und die Coolness „in der Szene“ als Ausgangspunkt für ihre bürgerlichen Karrieren. Anfangs waren sie noch kritische Journalisten, modern wirkende Künstler oder einfache Selbstdarsteller. Die meisten endeten als Karikatur ihrer selbst, meist noch mit hochdotierten Jobs.

Ulrike Meinhof hatte sich da schon längst aus dem Staub gemacht und sich politisch anderweitig orientiert. Durch die Gefangenenbefreiung von Andreas Baader am 14.Mai 1970 und deren Begleitumstände musste sie in den Untergrund. An vielen Littfasssäulen hingen Fahndungsfotos . Aus der Illegalität heraus versuchte sie, laut den Recherchen von Jutta Ditfurth für deren Meinhof-Biografie, ihre Kinder vor ihrem Ex-Mann zu schützen. K.R. Röhl verweist zwar darauf, dass in ihrer Sorgerechtsauseinandersetzung Kindesmissbrauch kein Thema war. Dazu gibt es aber viele Gründe. Einer liegt in der damaligen Zeit. Eine Situation in der Aussage gegen Aussage steht, wäre damals auch kaum zu Ulrike Meinhofs Gunsten entschieden worden. Sie versuchte alles, damit ihre Kinder bei ihrer Schwester unterkommen konnten. Um nicht vorher schon mit unveränderbaren Tatsachen konfrontiert zu werden, entschlossen Freund_innen von Ulrike die Kinder jedwedem weiteren Zugriff zu entziehen und erst einmal nach Sizilien zu Freunden zu bringen.

Das Aust die Kinder zu ihrem Vater zurückbrachte, sie sozusagen „rückentführte“, gehört mit zu dem Heldenmythos den Aust um sich selbst und seine Rolle in den Siebzigern gebaut hat. Doch wie Heldenhaft ist es eigentlich, Kinder zu solch einem Vater zurückzuführen?

Allein das momentane Schweigen eines Stefan Aust zu den geäußerten Vorwürfen gegen seinen früheren Chef verrät einiges. Einer der sonst sofort in sämtlichen Medien präsent ist, wenn Ulrike Meinhof oder die RAF in den Medien besprochen werden, hält freiwillig die Klappe. Allein schon das stinkt zum Himmel. Gerade in diese Phase fällt nämlich seine ständige Präsenz in den Softpornoheftchen mit sog. inhaltlichem Anspruch. Die damaligen Partys mit seinen Freunden sind bisher noch nicht beleuchtet worden. Vielleicht wird sein Interesse die politischen Bewegungen dieser Tage (besonders die RAF) in den Dreck zu ziehen, dadurch klarer. Aust war immer Ausbeuter. Er beutete als Konkret-Redakteur, der immer in der Nähe der intellektuellen Köpfe und Persönlichkeiten war, die Bewegung aus die ihn mit Themen fütterte. Er beutete mit seinen Artikeln (und wohl auch Fotos) Frauen aus. Er machte sich den drogenkranken RAF-Aussteiger Boock zum Kronzeugen für sein RAF-Bild.

K.R. Röhl ist in dieser Richtung wesentlich ehrlicher. Er mutierte vom Salonkommunisten zum Rechtspopulisten und Geschichtsverdreher (siehe wikipedia).

Nun ist selbst seine Lieblingstochter Bettina Röhl, die ihn in seinen Äußerungen zu Ulrike Meinhof und der RAF stets bestärkte, von ihm abgerückt und beschreibt den Missbrauch den K.R. Röhl an ihr begangen hat: „Zwischen 1970 und 1973 habe ihr Vater manche Abende „mit einem Zungenkuss als Gute-Nacht-Abschied“ beendet. Als sie elf Jahre alt gewesen sei, habe Klaus Rainer Röhl seine Hände „nicht mehr zuverlässig in seiner Sphäre“ behalten. Sie sei vom Vater häufig als „Pissgör“, „alte Nutte“ oder „Liebling“ angesprochen worden. Ihre Beziehung habe Klaus Rainer Röhl damals und noch später „eine wunderbare Liebesgeschichte“ genannt. Er habe sich seiner Tochter gegenüber als „pädophil“ bezeichnet und über Inzest gesprochen. (spiegel-online, 30.05.2010)

Das er dies weiterhin bestreitet ist nur noch peinlich. Aber in seinem nationalkonservativen Umfeld scheint dies nicht weiter zu stören. Für die Mitarbeit in diesen Zirkeln scheint eine gewisse Demenz gegenüber der eigenen Vergangenheit und der Weltgeschichte Aufnahmevoraussetzung zu sein.

* von MMM/AL-Red.

Texte von Anja Röhl zu Mißbrauchsdiskussion:
* Sexueller Missbrauch – (k)ein Thema
* Die Zeit ist reif – zur Pädophiliedebatte

Texte von Anja Röhl zu Ulrike Meinhof:
* Ich schwimme gegen den Strom
* Das zweite Sterben von Ulrike Meinhof

Die Debatte um Anja Röhls Stern-Artikel:
* Missbrauchsvorwürfe gegen „Konkret“-Gründer
* Jutta Ditfurth über Klaus Rainer Röhl: „Die Grenze zog er bei 13, 14 Jahren“
* Achtung vor den Opfern
* „Ulrike Meinhof hatte Angst um ihre Kinder“ – Interview mit Jutta Dittfurth

K.R. Röhls Dementi:
* Brief an den stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn

Bettina Röhl:
* Bettina Röhl wirft ihrem Vater pädophile Übergriffe vor
* „Ansexualisierte Übergriffe“ – Interview mit Bettina Röhl
* „RAF war keine Kinderhilfsorganisation“

Erleuchtendes zu K.R. Röhl:
* Klaus Hübotter über die „konkret“-Gründung: „Röhl war nur ein Strohmann“

Ergänzung:

Quelle: anderslautern, 1.06.2010





Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: