Irie Revoltes – Die Revolution kommt aus der Dancehall

iries_cover.jpgNach ihrem 10jährigen Bandjubiläum und 4 Jahren ohne Longplayer stellen Irie Revoltes (übersetzt: Fröhliche Aufständische) zur Zeit auf ihrer Releasetour vom 24.09. bis zum 11.12. ihr neues musikalisches Produkt vor. Was die neue CD „Mouvement Mondial“ transportiert ist ein Lebensgefühl, und dass heisst „Weltweite Bewegung“. Es geht um die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen durch soziales und politisches Engagement und Revolte. Mit teilweise schon ziemlich poppig daherkommenden Songs und einer Tanznummer nach der Anderen zielt die CD nicht nur auf die Köpfe der Menschen, die mit einem auffallenden mehr an deutschsprachigen Textpassagen, als bei den zwei Vorgängern „Les deux Côtés“ und „Voyage“, trotzdem immer wieder gefordert werden.

Mit ihrer aus der virulenten Dancehall und Reggae-Szene der Rhein-Neckar Region entstandenen musikalischen Mischung aus Ska, Reggae, HipHop und Dancehall, angefüllt mit französischen und deutschen Lyrics, schaffen sie es ihr unreigenes Agitprop-Konzept einem weit über die Politszene hinausgehenden Publikum zugänglich zu machen. Statt dem Abfeiern der eigenen Radikalität und dem oft aggressiv vorgetragenen Haßtiraden auf Staat und Gesellschaft, wie sie im Punk und Politrap immer wieder zu finden sind, stehen bei ihnen immer wieder das zelebrieren eines rebellischen Gemeinschaftsgefühls als Gegenentwurf zur konsumorientierten Mehrheitsgesellschaft im Vordergrund. Was zählt ist die Motivation („Motive“) etwas zu bewegen. Sie schaffen es sogar über die eigene Szene heraus Wirkung zu entfalten. Dies zeigt das Video der Kampagne „Kein Platz für Rassismus“. Bei dem Song, den die Irie’s für eine antirassistische Initiative Frankfurter Fussballvereine geschrieben haben, geben sie die Richtung vor: „Turn left“. Im Text singen sie Zeilen wie:“Denn leider gibt es rechten Dreck überall! Auch die Regierung ist gern mit am Ball! Mit Propaganda, Abschiebung global! Ich bleib dabei: Kein Mensch ist illegal! – Es gibt noch viel Zu Tun! …“ Im Video wird dieser Text unter anderem von der Koordinatorin der Frauenfußball WM Steffi Jones, der Frankfurter Fußballegende Karl-Heinz Körbel, zahlreichen Bundesliga-Profis und dem Schauspieler Peter Lohmeyer mitgesungen. Ihre Wurzeln als Band der antifaschistischen Bewegung („Antifaschist, für immer…“) haben auf ihrer neuen CD nicht vergessen. Der Song „Aufstehn“ hat sich schon kurz nach dem Erscheinen der CD zu einer Protesthymne entwickelt. In Internetforen und auf Youtube sind schon jetzt Videos zu finden, die die Aussage ihres Songs bebildern: „Aufstehn – wir setzen alles in Bewegung… ey lasst uns aufstehn für eine weltweite Bewegung…“. Die Tour will die Band ausserdem dazu nutzen um gegen das Residenzpflicht-Gesetz protestieren. Dazu soll es in verschiedenen Städten Demos und Kundgebungen geben.

Über ihr antifaschistisches Engagement hinaus, setzten sich die Irie’s seit Jahren für konkrete Entwicklungshilfeprojekte ein, oder stampfen diese einfach selbst aus dem Boden. So hat Iries Sänger Mal Eleve schon vor einigen Jahren mit seinem Freund Estevan, der selbst im Rollstuhl sitzt, den Verein „Rollis für Afrika e.V“. gegründet. Statt Gelder zu sammeln und diese in die teilweise intransparenten Kanäle anerkannter Entwicklungshilfeorganisationen zu stecken, aktiviert der Verein Menschen Rollstühle und Hilfsmittel zu sammeln, die ansonsten wahrscheinlich in deutschen Schrottpressen gelandet wären, um diese dann gezielt an Behinderte in Afrika weiterzuleiten. Für die Verteilung und Anpassung dieser Hilfsmittel kümmert sich der Verein mit professionellen Mitarbeiter_innen selbst. Die eigenen Fans werden so oft es geht in ihre Aktivitäten einbezogen. Ein gespendeter funktionsfähiger Rolli diente schon so manchem als Eintrittskarte für ein Irie Revoltes-Konzert. Auch auf der Release-Tour werden wieder Rollis und andere Hilfsmittel für Rollis für Afrika e.V. gesammelt. Irie Revoltes hat ausserdem schon viel für die Popularität der „Viva con Agua“-Kampagne getan, die von St.Pauli aus Fundraising für Trinkwasserprojekte in Entwicklungsländern betreibt. So ging das Geld, was die Band in der ersten Verkaufswoche der neuen CD einspielt direkt an Viva con Agua um damit Quelleinfassungen für Brunnen in Ruanda zu ermöglichen.

Doch zurück zu ihrer Musik und ihren Texten. Im Gegensatz zu anderen Bands mit ähnlichen Wurzeln wie Culcha Candela oder Seeed, deren Musik eine ähnliche Ausrichtung und Qualität hat, steht diese Band den Vermarktungsstrategien der Musikindustrie nicht zur Verfügung. Im Gegensatz: Bei ihren Songs wird auch Kritik an der eigenen Musikszene eingeflochten. Mit Zeilen wie „Kein Mensch ist illegal, vom Nordpol bis nach Togo, von Schwarz bis weiß und von Hetero bis Homo“ stellen sie sich gegen die Tendenz im Dancehall und Reggae, homophobe Inhalte kritiklos von jamaikanischen Künstlern aus dem Rasatafari-Kult zu übernehmen. Ihre Songs „Travailler“ und „Zeit ist Geld“ sind eindeutig gegen die kapitalistische Verwertungslogik gerichtet. Der Freund und Politrapper Chaoze One ist auch wieder auf der CD und der Tour dabei.

Alles das scheint diese Gruppe scheinbar mühelos in diese tanzbare und angenehm unangestrengte CD zu integrieren, die sich musikalisch in keine Schublade stecken lässt. Soundtechnisch haben sie durch den Umzug nach Berlin auch noch zugelegt. Durch die Produzenten Kraans de Lutin, der unter anderem für Alben und Singles von Reggaekünstlern wie Mellow Mark und Martin Jondo verantwortlich zeichnet, und Don Krutscho der den „Give Thanks“-Riddim produziert hat, der die Blaupause ihrer Singleauskopplung „Merci“ darstellt, ist der Sound fetter, aber auch eingängiger geworden. Manchem Puristen und Politaktivisten mag dies als Anbiedern an den Massengeschmack erscheinen. Die Glaubwürdigkeit der politischen Aussagen und Band Irie Revoltes tut dies aber keinen Abbruch. Vor allem nicht als aktiver Teil einer weltweiten Bewegung.


Iries Revoltes – Mouvement Mondial
Label: Ferryhouse, 2010
CD 12,99.-, 2LP 24,99.-

Mouvement Mondial-Tour von 24.09. bis zum 11.12.

Links:
- http://www.irie-revoltes.com
- http://i-revolt.com/

- http://rollis-fuer-afrika.de/
- http://www.vivaconagua.org/
- http://www.kein-platz-fuer-rassismus.de/

*von Carsten Ondreka
(bearbeitete Version im neuen AK: http://www.akweb.de/)





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